Ist die Jagd noch zu retten?

Beleuchtung der Tragweite, der derzeitigen Entwicklungen.

Gedanken von Dr. Georg Eckel

Dr. Christian EckelJagd schafft das Bindeglied zwischen Land- und Forstwirtschaft und den Erwartungen einer erholungssuchende Bevölkerung, hat einen – zumindest bislang noch – gesetzlich verankerten Auftrag (Bundesjagdgesetz, Landesjagdgesetze) und erbringt ihre Leistung für die Gemeinschaft – anders als Naturschutz – “umsonst“, weil aus privaten Mitteln.

Allein deshalb schon gebührt einer umsichtigen, sachkundigen und verantwortungsbewussten Jagdausübung – streng genommen – der Dank der Gemeinschaft, da eine solche Jagd keine öffentlichen Finanzmittel beansprucht und dabei vielfältigen Nutzen stiftet. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Jagd den wertvollsten, weil gänzlich unbehandelten Proteinträger tierischen Ursprungs, ein wahres „Lebens“-mittel – das Wildbret – zu einem vergleichsweisen Spottpreis ohne aufwändige Versorgungsketten auf den Markt bringt. Bravo!

Positive Aspekte, sagt sich der Leser und fragt, wie passt das mit der negativen Überschrift zusammen?

Ganz einfach: Geschehen nicht grundsätzliche und tiefgreifende Änderungen, steht die Jagd, wie wir sie kennen, vor dem Aus. Endgültig.

Warum?

Recht: Das Trias Jagd-, Naturschutz- und Tierschutzrecht wird schleichend aufgelöst und der Naturschutz übernimmt, politisch gesteuert – erst in den Verwaltungsstrukturen, dann in der Gesetzgebung – das uneingeschränkte Regiment. Ein Bewahren der Artenvielfalt – Stichwort Biodiversität – auf der Grundlage von Erhalt und Pflege vielfältiger und formenreicher Landschaftsformen und -elemente, die erst durch menschliches Handeln und Wirken im Biom des sommergrünen Laubwaldes entstanden sind und die Grundlage für den bisherigen Artenreichtum schufen, schien und scheint nicht in die Vorstellungswelt des organisierten Verbandsnaturschutzes passen zu wollen. Vorstellungen bedeutender als Fakten? Ganz offenbar! Gleichwohl heißt die tatsächlich sinnvolle und einzig gängige Formel: Schutz durch Nutzen. Wird die landschaftliche Vielfalt in ihrem Formenreichtum erhalten, schafft dies die existenzielle Grundvoraussetzung für vielfältiges und artenreiches Leben in Flora und Fauna – trotz und gerade inmitten des ständigen, allgegenwärtigen Wandels.

Der Sinneswandel von einem Miteinander und Hand-in-Hand-Gehen von Umwelt-/Naturschutz und Jagd und Tierschutz zu einer fast totalitären Naturschutzdominanz wird deutlich am Beispiel des WWF: Früher, in den 60er und 70er Jahren, wurde das Kürzel mit World Wildlife Fund übersetzt, heute steht es, ohne, dass groß drüber gesprochen wurde, für Worldwide Fund for Nature. Sinneswandel? Gehirnwäsche? Noch Fragen?

Fortbildungsresistenz der Jäger: Vielfach wähnt man sich in stammtisch-schwangeren Jägerkreisen, man führe vierspännig durch die Lande und das Volk läge im Graben, jubelnd dem Vorbeipreschenden huldigend. Mitnichten! Jagdrecht – ob per Pacht oder Eigentum – ist nur ein Recht neben vielen. Heute mehr denn je. Heute steht der Jäger im öffentlichen Verständnis gleichbedeutend neben oder sogar unter dem Mountainbiker, Paraglider, Geocacher oder anderen ausgefuchsten Fun- und Outdoorsportarten, von denen ein grüner Umweltminister – im Hauptberuf Lehrer – vor Jahren gesagt hat, auch diese Sportarten seien ein Beitrag zum Naturschutz (Trittin). „Ermächtigt“ fühlte er sich unter anderem durch vielfältiges abschreckendes Auftreten derer im grünen Rock, die offenbar übersehen haben, dass ihnen seit den 60er Jahren der Wind mit zunehmender Stärke ins Gesicht steht und die Masse von ihnen nichts daran getan hat, sich selbst permanent fortzubilden und durch ungeschicktes Auftreten ihr Ansehen in der Öffentlichkeit vielfach völlig unbekümmert weiter beschädigt.

Die größten Feinde der Jagd sitzen – leider – in den eigenen Reihen. Die Geschichte hat gezeigt, dass nur zu oft der Schaden schwarzer Schafe größer als der Nutzen derer ist, die um Sachkunde oder verantwortungsvolles Verhalten bemüht sind und sich als Repräsentanten der Jagd und als Anwälte des Wildes verstehen. Dabei haben alle über das „grüne Abitur“ eine staatlich anerkannte hohe Qualifikationsstufe erreicht – ganz im Gegensatz zum Naturschutz, zu dessen persönlicher Deklaration es nichts Vergleichbares gibt. Das „grüne Abitur“ kann allerdings nur als Selbstverpflichtung verstanden werden, aus Liebe zu Jagd und Wild das eigene Wissen nach dem Erwerb des Jagdscheines ständig zu mehren – und nicht behäbig auf dem einmal erworbenen vergänglichen Stand des Wissens unbekümmert und tatenlos zu verharren.

Zunehmend mangelhafte Ausbildung der Jäger: Eines der schwerwiegendsten Verhängnisse liegt in der Jungjägerausbildung über Vierzehntage- oder Dreiwochenkurse mit dem Prüfungsabschluss „Jäger“. Diese „Jäger“ können nichts wissen (wir denken an „Faust“), weil es ihnen am lehrbegleiteten Erfahren zumindest eines Jahreslaufes in der naturnahen Umwelt mangelt. Wie soll auch jemand, der vielleicht noch erschwerend aus einem nicht „grünen“ Beruf stammt, die Vielfalt der Zusammenhänge in Biologie und Ökologie – auch in der teilweise schwierigen Verbindung zum geltenden Recht – begreifen?

Ungeeignete Standesvertretung: Hatten noch frühere Generationen der hohen Funktionsträger in DJV und Landesjagdverbänden überwiegend einen persönlichen Bezug zu Land-, Forstwirtschaft oder Weinbau oder generell den angewandten Naturwissenschaften, wird heute ihre Mehrheit von Juristen gestellt. Sie sind zwar im Recht zu hause, haben vielfach aber – ohne ihnen persönlich zu nahe treten zu wollen – keinen noch so blassen Schimmer von natürlichen Prozessen und der Vielzahl sie beeinflussender Faktoren. Demgegenüber werden Naturwissenschaftler stets von der rastlosen Sorge geplagt, bei der Suche nach Antworten, gerade im ökologischen Umfeld, einflussreiche Faktoren leichtfertig übersehen und daraufhin falsche Schlussfolgerungen gezogen zu haben. Einem Juristen widerfährt dies kaum und er wird keine schlaflosen Nächte verbringen, weil seine Denkgrundlage – Verwaltungs-, öffentliches Recht und Strafrecht – per se schon menschliche Denkkonstrukte sind. Ruhe sanft!

Gerade in Nordrhein-Westfalen – aber nicht nur dort – war in den vergangenen Jahren zu erleben, dass auf die Aussage „Mit uns gibt es keine Änderung des Landesjagdrechts“ (Borchert 2012) ein „Wir sind im Dialog“ (Müller-Schallenberg 2013) folgte, bei dem zu befürchten ist, dass am Ende in diesem Jahr ein völlig auf den Kopf gestelltes Landesjagdrecht herauskommt, was dann – genau genommen – den Namen nicht mehr verdient. Der Wetteinsatz bedarf noch einer Festlegung (Vorschläge an den Autor). Anregungen werden dankend entgegen genommen! Heißt hier nicht die abschließende Frage: Standesvertreter oder Totengräber?

Mindestens genau katastrophal ist, dass die Jäger sich untereinander nicht „grün“ sind und lieber das eigene Süppchen köcheln, wie der BJV, statt mit den übrigen LJVs und dem DJV gemeinsam für die Jagd und deren Erhalt und Weiterentwicklung in einer gestärkten Organisationsform einzutreten. Oftmals ist offenbar der eigene Schatten schwerer zu überwinden als jedes Hindernis. Die daraus entstandene Schwächung war und ist überflüssig!

Jagdfeindlich eingestellte Umwelt- und Naturschutzverbände: Nachdenklich stimmt, dass sich Bündnis 90/Die Grünen fachlichen Beistand gerade von den Umwelt- und Naturschutzverbänden einkaufen, die in den vergangenen Jahren ein geschicktes wirtschaftliches Händchen beim Einstreichen von Spendengeldern bewiesen haben und denen diese Erfolge – Beispiel E.ON Offshore-Windkraftanlage am Rande des Nationalparks Wattenmeer – wichtiger zu sein schienen als der Erhalt einer weitestgehend intakten Vielfalt an natürlichen Ressourcen, wie hier einem zentralen paneuropäischen Rastplatz für wandernde Wasservogelarten. Peinlich nur, dass selbst Gründungsmitglieder wie Enoch zu Guttenberg inzwischen dem BUND enttäuscht den Rücken gekehrt haben. Und es ist anzunehmen, dass auch Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Paul Müller einen ähnlichen Schritt gewählt hätte.

Die Forderungen ihrer sogenannten „Positionspapiere“ zur Jagd reichen von der Verkürzung der Liste jagdbarer Wildarten und dem Verbot bleihaltiger Munition zugunsten höchstzweifelhafter „bleifreier“ Alternativen, über das Verbot der Jagd in Schutzgebieten, das Verbot der Prädatorenbejagung, das Verbot des Fallenfangs, das Verbot, Jagdhunde an lebendem Wild auszubilden bis zu Nachtjagdverboten für Schwarzwild oder der Forderung, Rotwild nicht mehr nach Altersklassen zu bejagen, womit die so notwendige Sozialstruktur auf den Kopf gestellt wird. Dies sind nur einige, wenige Beispiele. Beispiele, die zeigen, dass ihre „Schöpfer“ sich ganz offenbar keineswegs darüber im Klaren sind, wie sich unsere vielfältigen Landschaftsformen und ihre Flora und Fauna im Verlauf der vergangenen Jahrtausende entwickelt haben und unter welchen akuten Bedrohungen – Klimawandel und Emissionen, Flächenfraß und Bodenversiegelung, Rückgang der Artenvielfalt und dabei besonders der Insektenfauna – unser natürliches Erbe gegenwärtig tatsächlich steht. Oder – schleicht sich der Verdacht ein – geschieht dies etwa absichtlich? Von als gemeinnützig anerkannten Organisationen zum Schutz und Erhalt von Umwelt und Natur wäre wahrlich anderes zu erwarten gewesen.

Naturferne urbane Bevölkerung Mit dem zunehmenden wissens-, erfahrungs-mäßigen und emotionalen Entfremden der urbanen Bevölkerung von den Belangen natürlicher Prozesse steigt deren geradezu inflationäre und gefährliche Anfälligkeit, von perfide formulierten Meinungen propagandistisch manipuliert, also fehl- und irregeleitet zu werden. Fehlt die persönliche Berührung im Umgang mit Tier, Pflanze und Landschaft, wird „Natur“ allzu schnell zum Heiligenbild verklärt. Tiere allein zu begreifen beginnt damit, ihren Geruch durch Streicheln über die Hände riechend zu erfahren. Dass mit diesem Entfremden selbstverständliche Vorgänge aus dem Bewußtsein entschwinden, ist tragisch, aber nachvollziehbar. Schlachten zum Zweck der eigenen Lebensmittelversorgung zu erleben, könnte erfahrbar werden lassen, dass Leben zum Tod gehört, wie Tod zum Leben. Und damit könnten wir einen zentralen Punkt des Lebens an sich be-„greifen“.

Neben all dem fordert eine kleine Gruppe von Tierrechtlern, teilweise mit stark kriminellen und chaotischen Zügen, lautstark die Abschaffung der Jagd, werden Hochsitze lebensbedrohlich kriminell an- oder umgesägt, verunfallte Wildtiere in hilflos entstellter und entfremdeter, falsch verstandener Tierliebe unter Schmerzen zum Tierarzt gekarrt, obligatorische Veggie days von den Grünen gefordert, obwohl es in Restaurants, Kantinen, Mensen bereits seit vielen, vielen Jahren interessante und schmackhafte vegetarische Gerichte gibt, die nicht zwanghaft als solche deklariert werden mussten.

Demgegenüber zählen Demos vor Jägermessen oder lautstarke Krackeler vor herbstlichen Hubertusmessen schon beinahe zum zwar ungeliebten, aber vertrauten und eher harmlosen Bild – auch dies ein Teil der freien demokratischen Meinungsäußerung in diesem Lande.

Was muss sich ändern?

Das meiste liegt bei uns Jägern selbst. Da ist in erster Linie die persönliche und fachliche Weiterbildung. Nur, wenn wir uns bei den aktuellen wildbiologischen und –ökologischen Erkenntnisse auf Stand halten – auch, um damit Fragen von Nichtjägern kompetent und verständlich beantworten zu können – können wir unseren Anspruch als sachkundige Ansprechpartner für Wild, Wald und Flur erfüllen.

In Revieren naher Ballungsräume ist jeder Jäger ein Vertreter seiner Zunft und Botschafter der Jagd gegenüber Spaziergängern oder Wanderern. Hier wird jeder einzelne Jäger zum Public Relation Manager. Gerade hier ist notwendig, kompetent, aber zugleich bescheiden und kulturell umfassend gebildet aufzutreten.

Von unseren Gegnern lernen (einer der größten Schwachpunkte der Jägerschaft): Umwelt- und Naturschutzverbände haben es in den vergangenen Jahrzehnten praktiziert, wie professionell Spendengelder gesammelt werden können, um mit öffentlichkeitswirksamen PR-Kampagnen ihre Positionen zu transportieren. Warum nur nutzen Jäger nicht diese Instrumente? Warum ist die Jägerschaft nicht in der Lage, diese guten Beispiele simpel zu kopieren?

Neben der an einigen Stellen ausgewiesenen hohen Fachkompetenz in den eigenen Reihen haben die Jäger noch einen ganz anderen, dazu höchst schmackhaften Imageträger, dessen sie sich zu Imagezwecken, gerade auch in Städten und Ballungsgebieten, flächendeckend bedienen können: Das Wildbret. Was gibt es Schmackhafteres – auch für Normalverkoster – als ein Wildbratwürstchen mit Senf und Brötchen vom Grill?

Fazit: Über die Jagd als Bindeglied zwischen dem Erhalt ökologischer Vielfalt, der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und einer sich seit der frühen Neuzeit stetig ausformenden landschaftlichen Vielgestaltigkeit wird nicht auf dem Land entschieden, wo die Jagd in Masse betrieben wird, sondern in den jagdfernen Ballungsgebieten, wo die Masse der Wähler lebt. Deshalb dürfen wir das Feld nicht Grünen oder jagdfeindlichen Umwelt- und Naturschutzverbänden überlassen, sondern mit fundierter Kompetenz in den Revieren und mit öffentlichkeitswirksamen Imagekampagnen und dem hervorragenden Imageträger Wildbret in den Städten für die Jagd werben. Auf dem Spiel stehen, neben Land- und Forstwirtschaft im Sinne der angepassten Landeskultur, langfristig die Vielfalt unserer Landschaft und damit die Vielfalt von Fauna und Flora. Es ist zu befürchten, dass der Masse der Bevölkerung – auch der Jäger – die gravierende Tragweite einer solchen Entwicklung bei weitem nicht bewusst ist.

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